Stutenstamm

Pferde gehörten eigentlich schon immer zur Familie: ob im 19. Jahrhundert auf der bäuerlichen Scholle der Familie Schettler im ostpreußischen Masuren oder als Transporthelfer im Handwerksbetrieb im westfälischen Wanne-Eickel. Mit der Gründung des Reitervereins Emscherbruch Herne 1972 begann die systematische reiterliche Ausbildung für den Turniersport.

 

Züchterischer Start mit Angelique von Angelo xx

Die eigene Zucht der Familie Schettler startete Ende der 1970er Jahre mit der noblen westfälischen Schimmelstute Angelique von Angelo xx – Goldberg. Die Mutter dieser Halbblutstute, Gruga von Goldberg – Flirt hatte selbst unter Landestrainer Hermann Vosskamp Turniererfolge im Springen bis zur Klasse M aufzuweisen und wurde später durch die Lieferung des Hannoveraner Siegerhengstes Glücksgriff vom Gardestern populär. Die bewegungsstarke und springgewaltige Angelique kam tragend vom Stempelhengst Frühling auf den Hof, was beim Kauf der Stute ein gewichtiges Argument war. Das daraus gefallene Stutfohlen Felina von Frühling, ebenfalls die Schimmelfarbe tragend, wurde später erfolgreiche Zuchtstute in Bayern.  Die Angelique-Tochter Relana von Remus I, ein charmantes Blutpferd, erreichte Dressur- und Springerfolge unter dem Sattel von Anna von Boch und ihrer Schwester Elisabeth im Saarland und in Rheinland-Pfalz.

Aus anderen Zuchtversuchen der Familie Schettler entstand der vielfache S-Springsieger St. Ludwig’s Bonheur von Quel Bonheur – Maikater I – Wolfsburg, den Eberhard Seemann für das BundesChampionat Springpferde qualifizierte und der später vor allen Dingen mit Jessica Kürten (geborene Chessney)/IRE international erfolgreich war.

 

Ausflug in die Vollblut-Szene

Schon Mutter und Großvater des heutigen Hofbesitzers hatten ein Faible für die edlen Vollblüter. So wurde im September 1986 in Baden-Baden anläßlich der großen Rennwoche und der dortigen Vollblut-Jährlingsauktion der Familien-Rennstall „R. Schettler u.a.“ gegründet mit dem Erwerb der Jährlingsstute La Frontalita xx von Frontal xx a.d. Litty xx v. Soderini xx, Halbschwester des späteren Deutschen Derby-Siegers Lebos v. Nebos xx aus dem Gestüt Westerberg der Familie Dr. von Opel in Ingelheim/Rhein. Sie ging zu Championtrainer Bruno Schütz in Köln ins Training und konnte zwei Rennen gewinnen, bevor sie in die eigene Zucht der Familie Schettler wechselte. Es war der Versuch zu beweisen, dass auch mit den Aufzuchtmethoden der Warmblutzucht leistungfähige Vollblüter herausgebracht werden können, zu einer Zeit, in der ein 24/7-Weidegang in den etablierten Vollblutgestüten noch nicht die Regel war. Zwei Nachkommen des Nebos und einer des Orofino, die alle kleinere Rennen gewinnen konnten und später in den Hindernisrennsport wechselten, waren das zumindest achtbare Ergebnis. Ein Produkt, dass mit Aussicht auf Erfolg in der Warmblutzucht hätte eingesetzt werden können, war nicht dabei. Und es wurde immer deutlicher, dass man als Vollblutzüchter und -besitzer viel weniger aktiven Einfluss nehmen kann als bei den Reitpferden, sodass die Erkenntnis reifte, sich zu konzentrieren: entweder – oder! Die Entscheidung war klar: weitermachen in der Warmblutzucht!

 

Schulze Hesselers Wagnis von Winner

Die zweijährig erworbene, großrahmige spätere StPrSt. Wagnis von Winner – Graciano – Perlkönig aus dem erfolgreichen und bekannten Stutenstamm der Goldammer von Goldberg bei Josef und Ingeborg Schulze Hesseler in Beckum-Vellern lieferte zahlreiche bemerkenswerte Pferde auf dem Hof Schettler. Das bedeutendste war ohne Zweifel der Fuchs Benstein, auf der Stutenschau in Warendorf 1997 bestes Fohlen im ersten Fohlenjahrgangs des Bolero-Sohnes Beltain Ldb. Benstein war drei- und vierjährig unter Dr. Uta Schettler siegreich in Reitpferdeprüfungen und wurde fünfjährig in Riesenbeck Westfälischer Dressurpferde-Champion unter Oliver Oelrich, bevor er unter traurigen Umständen ums Leben kam.

Die Wagnis-Tochter VerbPrSt Fabienne von Fibonacci, nach dem Verkauf ihrer Mutter bereits auf dem Hof Rudde in Ahaus-Graes in neuem Besitz geboren wurde, erwies sich als Volltreffer und konnte sich nicht nur als Lieferantin etlicher Sportpferde, sondern vor allem als Großmutter eines 2020 in Münster-Handorf gekörten Junghengstes von Zoom nachdrücklich in Erinnerung bringen.

 

Archie Moore alias Alex goes international

Von ganz besonderer Klasse war der 2004 gezogene dunkelbraune Arpeggio-Sohn Archie Moore (FEI-Name ALEX) aus der westfälischen Eliteschau-Siegerstute des Jahres 2000 StPrSt Marilu von Mon Cheri – Ehrentusch, der in Zuchtgemeinschaft mit Dr. Dr. Heinz Erpenstein (†) auf dem Hof Schettler gezogen und geboren wurde. Nach verpasstem Körziel ging  der Wallach über die Westfalen-Auktion vierjährig nach Holland. Alex wechselte Ende 2014 für 2,5 Mio. Dollar (!) von der holländischen Springreiterin Maureen Bonder zur amerikanischen Amazone Audrey Coulter, die in Europa, USA, Mexiko und Kanada eine ganze Serie erstklassiger Erfolge in schwersten internationalen Springen bis hin zu den Weltcup-Finals 2016 in Göteborg (DEN) und 2017 in Omaha (USA) sowie zur Global Champions League erzielen konnte. Im Juli 2017 wechselte der beständige und stets leistungsbereite Wallach in den Beritt von Jennifer Gates, der ältesten Tochter des legendären Microsoft-Gründers Bill Gates und knüpft nahtlos an bisherige Erfolge an.

 

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Alex (ex Archie Moore) von Arpeggio – Mon Cheri unter Jennifer Gates (USA) als internationaler S-Sieger im Central Park von New York

Aktuelle Zuchtstuten

Heute basieren alle Zuchtstuten und Fohlen des Hofes auf zwei Stammstuten:

zum einen auf der 1984 geborenen Fuchsstute St.Pr.St. Ria von Ricardo – Situs – Dragoner, Westfalen-Championesse 1987 und zweimalige BundesChampionats-Finalistin (1987/88), die als Zweijährige auf den Hof kam und deren Geschichte es ausführlich hier nachzulesen gibt;

zum anderen – in deutlich kleinerem Umfang – auf der Westfälischen Siegerstute des Jahres 2000, der 1997 geborenen dunkelbraunen StPrSt. Marilu von Mon Cheri – Ehrentusch – Parcours, die eher auf Irrwegen auf den Hof Schettler gelangte und deren Geschichte hier zuammengefaßt ist.

 

Zur Zeit sind im Zuchteinsatz:

 

StPrSt. Liberia von Likoto xx aus der StPrSt. Ria Nova v. Rosenkavalier – Ricardo, die schwarzbraune, 2005 geborene, mit viel Körper versehene, tiefe, muskulöse und halsbetonte Halbblutstute. Schon bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt bei der Stuten- und Fohlenschau in Haltern wurde sie Siegerfohlen der Westfälischen Halbblutschau, wie schon im Jahr zuvor ihre ältere Vollschwester StPrSt. Legenda Ria, die inzwischen unter Dr. Christiane Schettler (verh. Knoller) bis M-Dressur und in Geländepferdeprüfungen erfolgreich war und ist. Auch dreijährig wurde Liberia Siegerin bei der Westfälischen Halbblutschau in Haltern, zugelassen zur Eliteschau in Münster-Handorf und dort beste Halbblutstute Westfalens. Eine sehr gute Stutenprüfung und ein 2. Platz bei ihrem einzigen Turnierstart in einer Reitpferdeprüfung verrieten Qualität. Seither hat Liberia jedes Jahr ein Fohlen zur Welt gebracht – bisher zwölf en suit! – und ist erneut tragend, auch das ein kleines biologisches Wunder.

Vor dem Wagen – ein- und zweispännig – erwies sie sich als leistungsbereit und nervenstark, ebenso wie unter dem Sattel. Eine leichfutterige, äußerst umsichtige Mutterstute mit sehr guter Milchleistung und besonders freundlichem Charakter. In allem eine echte Ausnahmeerscheinung!

 

 

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StPrSt. Liberia von Likoto xx – Rosenkavalier, 15jährig (2020) mit Hengstfohlen von Spökenkieker

 

VerbPrSt. Fräulein Ria, dbr. St. (Hann.), geb. 2014 von Franziskus a.d. StPrSt. Liberia v. Likoto xx – Rosenkavalier ist eine außergewöhnlich typschöne, mit 170 cm Stm. großrahmige und dabei hochelegante, bergauf konstruierte Stute mit idealer Sattellage, gutem Rückenschluss und langer, muskulöser Kruppe. Aufgrund verbandspolitischer Turbulenzen in den Jahren 2013/2014 nicht westfälisch, sondern hannoversch gebrannt. Siegerfohlen der Hannoveraner Fohlenschau 2014 in Coesfeld-Lette, I-a-Preis der Zweijährigen an gleicher Stelle 2016. Sehr gelehriges, oft vorausdenkendes, gehfreudiges Reitpferd, immer feinfühlig und aufmerksam, mitunter etwas „elektrisch“, aber mit drei  überdurchschnittlichen Grundgangarten gesegnet. Erfolgreiche Hannoveraner Stutenprüfung 2018 in Ankum. Vollschwester zu der schon überaus bewährten VerbPrSt. Feria (u.a. Mutter der zweifachen Westfälischen Reitpferde-Championatsfinalistin StPrSt. Ria Rocana) und der unter österreichischer Flagge gehenden, hoch veranlagten Fabula Ria.

 

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Fräulein Ria (sechsjährig) von Franziskus – Likoto xx, trächtig und  in Weidekondition, hier mit Kathrin Schettler.

 

VerbPrSt. Ria Eterna, dbr. Stute, geb. 2017 von Rock Forever aus der VerbPrSt. Feria von Franziskus – Likoto xx, eine Vollschwester der StPrSt. Ria Rocana, eher im Rechteckformat und deutlich größerem Rahmen, ist eher spätreif. Die blutgeprägte Galoppade und ein ansehnliches Springvermögen lassen Qualitäten eines Vielseitigkeitspferdes erahnen. Ihre Grundausbildung wurde mehrmals unglücklich unterbrochen, einmal durch Probleme beim Zahnwechsel, dann durch eine Weideverletzung (Platzwunde), die genäht werden musste und schließlich durch einen fiebrigen Infekt. Wie ihre Vollschwester war sie Siegerstute der Stutenschau Kirchhellen 2020. Ihre reiterliche Entwicklung war durch eine als Jährling erlittene Weideverletzung am 13. Brustwirbel erheblich eingeschränkt.

 

StPrSt. San Cherie, dbr. Stute geb. 2009 von San Amour aus der StPrSt. Marilu von Mon Cheri – Ehrentusch gehört nicht dem Ria-Stamm an, sondern kehrte nach hocherfolgreicher Sportkarriere mit Qualifikation zum Dressurpferde-BundesChampionat und 14 S-Dresurplacierungen bis zum ***-Niveau (Intermediaire II mit Piaffe, Passage und Einerwechseln), davon zwei Siege in die Zuchtstätte zurück, in der auch ihre bedeutende Mutter StPrSt. Marilu schon so segensreich gewirkt und u.a. den oben erwähnten internationalen Top-Springer Alex (ex Archie Moore) von Arpeggio geliefert hatte .

Als Dreijährige hatte sich die von Günter Voss, Gestüt Letter Berg in Coesfeld gezogene San Cherie auf der Stutenschau in Coesfeld mit dem I-b-Preis zur Westfälischen Eliteschau 2012 qualifiziert, in Alt-Marl eine exzellente Stutenprüfung unter den Top Twenty ihres Jahrgangs abgelegt (8,0 im Trab, 8,5 im Galopp, 8,5 im Schritt und 8,5 sowohl von den Richtern als auch vom Fremdreiter für die Rittigkeit) und zwei Reitpferdeprüfungen gewonnen. Über die Westfälische Elite-Auktion im Oktober 2012 in Münster-Handorf wurde sie dreijährig an die Familie Hoock-Manganaro in Frankfurt zugeschlagen und machte unter Annabelle Manganaro eine absolute Bilderbuch-Karriere im Dressurviereck bis hinaus in die Klasse S. 2020 lieferte sie ihr Erstlingsfohlen von Vitalis und sieht nun für die Zuchtgemeinschaft Schettler/Hoock weiteren Höhepunkten entgegen. Ihre Abstammung ist geradezu überhäuft mit Hochleistungspferden, interessanterweise sowohl in der Dressur als auch in Springen. Eine Vollschwester der Mutter (Madonna 96) war bis S-Dressur erfolgreich, eine Vollschwester der Großmutter Etienne von Ehrentusch – Frühlingsrausch (Esmeralda GS) hat M-Dressuren gewonnen, eine weitere Vollschwester (Eskada 4) Erfolge in M-Springen. In der darauffolgenden Generation brachte die Frühlingsrauch – Angelo xx-Tochter Fantasie zwei S-Springer von Parcours Ldb. und zwei S-Dressurpferde von Rosenkavalier. Besser abgesichert kann eine Leistungsvererbung nicht sein!

 

Reserve- und Nachwuchsstuten:

 

StPrSt. Ria Rocana, dbr. Stute, geb. 2016 von Rock Forever aus der VerbPrSt Feria von Franziskus – Likoto xx ist die Hoffnungsträgerin der nächsten Stutengeneration. Die älteste Tochter der VerbPrSt. Feria (vulgus „Franzi 1“) ist eine im besten Blütertyp stehende, elegante und mit drei herausragenden Grundgangarten und sehr elastischem, basculierten Springvermögen gesegnete Stute, die in puncto Rittigkeit keine Wünsche offen lässt. Als Siegerstute der Stutenschau Kirchhellen im Juni 2019, einer Spitzenbenotung bei der Stutenleistungsprüfung in Münster-Handorf im Juli 2019 und der I-e-Prämie bei der Westfälischen Eliteschau tritt sie in die Fußstapfen ihrer Großmutter, Urgroßmutter und Ur-Urgroßmutter und wird zunächst unter dem Sattel von Johanna Klippert reiterlich weiter gefördert, mit Erfolg: schon beim allerersten Turnierstart qualifizierte sich Ria Rocana vor großer Kulisse für das Finale des Westfälischen Reitpferde-Championats und wiederholte diesen Erfolg auch als Vierjährige. Inzwischen war die äußerst arbeitswillige Stute siegreich in Reitpferdeprüfung. Die weitere Ausbildung verrät Potenzial für den besseren Dressursport.

 

Die dreijährige Mia Mora vom Oldenburger Top-Vererber Morricone aus der StPrSt. Liberia von Likoto xx – Rosenkavalier, schwarzbraun und bildschön, in geradezu perfektem Seitenbild und mit drei vorzüglichen Grundgangarten und allerbester Rittigkeit, vor allem aber mit viel Schub gesegnet, ist die jüngste Hoffnungsträgerin, deren weitere Entwicklung wir gelassen und mit Vorfreude abwarten.