Aufzuchtbedinungen

Schon die Fütterung und Haltung der Mutterstute legt den Grundstein für die gesunde Aufzucht eines Fohlens. Täglicher Auslauf ist bei uns Programm, in der Weideperiode (ab Mitte Mai bis Mitte/Ende Oktober) 24 Stunden, rund um die Uhr, bei Wind und Wetter. Zufutter erhalten dann nur die laktierenden Stuten, je nach Futtergrundlage auf der Weide wird ab Mitte September ggf. Heu zugefüttert. Die notwendige Mineralstoffversorgung erfolgt über Leckschalen bei den älteren Pferden, bei den Fohlen über tägliche Maulspritze, um eine kontrollierte Aufnahme zu sichern.

Wir bemühen uns, möglichst keine Fohlen vor März zu bekommen, um ihnen schnellstmöglichst freien Auslauf zu gewähren. Ansonsten, vor allem bei Schlechtwetter-Perioden, ist im Stutenstall ein sog. Fohlenschlupf eingerichtet, der es den Fohlen ermöglicht, jederzeit ohne Mutter auf der Stallgasse herumzutollen und schon Kontakt zu ihren Jahrgangsgefährten aufzunehmen. Das fördert das Selbstvertrauen und die Entwicklung des Fohlenhufs.

Die Weiden sind mit dreilattigen Holzzäunen und ergänzendem Elektrozaun eingefasst und werden extensiv gedüngt. Zur ständigen Parasitenprophylaxe wird regelmäßig mit Maschinenunterstützung „abgeäppelt“. Wechselnde Schnittnutzung fördert den Bewuchs. Für die Wintermonate steht ein spezieller, befestigter Winterpaddock zur Verfügung, sodass auch bei Schnee und Eis „Freigang“ möglich und Pflicht ist.

Seit über 30 Jahren machen wir beste Erfahrungen mit einer gemischtalterigen Herde, das heißt, wir sortieren nicht nach Altersgruppen, sondern lassen die Mutterstuten gemeinsam in einem Herdenverband mit Absetzern, Jährlingen und Zweijährigen, teilweise auch noch mit Dreijährigen. Dadurch erreichen wir ein ganz natürliches Sozialverhalten, das den Lernprozess beim Anlongieren und Anreiten sehr unterstützt.

Lediglich die Hengstfohlen verlassen nach dem Absetzen den Betrieb. Meistens sind sie dann verkauft oder wechseln zu einem Partnerbetrieb, um dort unter optimalen Bedingungen in einer Junghengstgruppe aufzuwachsen.

Unsere Ausbildungsphilosophie

Wer junge Pferde aufzieht und sie nicht gleich als Fohlen verkauft, muss sich beizeiten Gedanken über deren Ausbildung machen. In früheren Jahrzehnten war dies traditionell die Aufgabe des Züchternachwuchses, der in den Ländlichen Reit- und Fahrvereinen das notwendige Rüstzeug dafür erhielt. Nur waren die Pferde früherer Generationen insgesamt robuster, viel weniger sensibel als unsere heutigen Zuchtprodukte. Die hohe natürliche Rittigkeit und die in den letzten 20 Jahren ernorm verbesserte Bewegungsqualität erfordern auch eine entsprechende Verfeinerung der Ausbildungsmethoden.

Nicht selten werden die jungen Remonten dreijährig zum Anreiten abgegeben. Und es gibt zweifellos etliche seriöse, spezialisierte Betriebe, die dies sehr gut machen. Wir verfolgen hingegen einen anderen Ansatz. Die Gewöhnung eines jungen Pferdes an Sattel und Zaumzeug sowie an das Reitergewicht sollte nach unserer Philosophie in der gewohnten, vertrauten Umgebung mit den Menschen erfolgen, die dem jungen Pferd bekannt sind. Basis aller Reit- und Fahrausbildung sind die vertrauensbildenden Vorübungen an der Hand, neudeutsch: Bodenarbeit.Wann darf man damit überhaupt beginnen? Sind die 30 Monate, also vollendete 2 1/2 Jahre, die wir in den neuen Leitlinien zur Pferdehaltung lesen, auch hierfür bindend? Darüber streiten die Gelehrten noch. Wir meinen, schon mit einem Zweijährigen können erste Übungen zur Führigkeit durchgeführt werden, ohne ein Pferd damit physisch oder psychisch zu überlasten, im Gegenteil: solche Übungen vertiefen das gegenseitige Vertrauen.

Auf der Stallgasse wird das Herumtreten (Weichen) rechts und links geübt, gelegentlich mal eine Satteldecke aufgelegt (noch ohne Gurt) und als Vorübung für das Auftrensen „Zungenmassage“ gemacht. Das klingt spektakulärer als es ist: das junge Pferd wird lediglich mit zwei Fingern, die abwechselnd von rechts und links in Höhe des Maulwinkels locker über die Pferdezunge geschoben werden und etwa eine Minute dort verbleiben, daran gewöhnt, dass hier demnächst ein Tresengebiss liegen wird. Der positive Nebeneffekt: das Pferd wird anfangen zu kauen, den Kiefer in alle Richtungen zu bewegen und damit seine gesamte Gesichtsmuskulatur lockern, was man auf anderem Wege kaum erreichen kann. Nach wenigen Malen wird es – in aller Regel – Gefallen daran finden und sich entspannen. Dann ist der Moment gekommen, eine Trense aufzulegen. Gerade im Winter wärmen wir die Trense unter warmen Wasser etwas an, um den Schrecken eines kalten Metallstück im Maul zu vermeiden. Dazu benutzen wir eine alte Trense ohne Nasenriemen und ohne Stirnriemen, die einfach über das Stallhafter gezogen werden kann. Wichtig ist von Anfang an, dass mit passendem Equipment gearbeitet wird. Das Trensengebiss muss in Länge und Dicke passen und in der richtigen Höhe verschnallt sein, um überhaupt keine Zungenfehler entstehen zu lassen.

Das Pferdemaul ist heilig!

Geführt wird das junge Pferd vorerst nicht am Zügel, denn es gilt der alte Satz: Das Pferdemaul ist heilig! Geführt wird mit einem langen Leitseil am Stallhalfter. Ganz wichtig von Anfang an: das Pferd muss den Menschen als „Chef“, als ranghöhereres Leittier akzeptieren. Das tut es nicht, wenn es einfach am Vorführer vorbeiläuft (Dominanzproblem!). Mit dem Ende des Leitseils, an dem eine kleine Lederlasche befestigt ist, machen wir von Anfang an und ohne Ausnahme deutlich, dass das nicht erlaubt ist. Nichts anderes würde die Leitstute in der Herde tun, indem sie einen Drängelt unmissverständlich zwicken würde, der an ihr vorbeilaufen wollte. So lernt das junge Pferd schnell stehenzubleiben, wenn sein Mensch neben ihm stehen bleibt, ganz ohne weitere Hilfe, aber mit klarer Körpersprache: der bewußt aufrechten Haltung. Kein Zerren am Stick, schon gar keine Führkette. Das Pferd, dass seinem Menschen „zuhört“, lernt schnell, was Sache ist. Zum Wieder-Angehen neigt sich der Oberkörper des Vorführers in die Bewegungsrichtung nach vorne.  Nach kurzer Zeit können wir so auf dem Hof oder auf dem Reitplatz Schlangenlinien gehen, immer wieder halten und sogar rückwärtsrichten.

Vorübung zum Longieren und Aufsitzen

Ab und an lassen wir das Leitsein etwas länger und das junge Pferd um uns herumgehen. So versteht es schnell, was wir später beim Longieren verlangen. Rechts wie links herum. Vielen Reitern mag das lästig sein und vielleicht sogar lächerlich erscheinen, mit ihrem Pferd herumzulaufen. Nach unserer Erfahrung hilft das dem Prozess des Anreitens ungemein. Nach und nach machen wir die Remonte in der Stallgasse schon mit einer Aufstiegshilfe und dem Sattel vertraut. Klettern schon einmal auf den Tritt und lehnen uns ganz locker an das junge Pferd. Wenn auch das stressfrei klappt, wird ein leichter Reiter schon mal so auf das Pferd gehoben, dass er (mit und ohne Sattel) bäuchlings über dem Rücken liegt. Selbst nervöse Pferde lassen das nach der hier beschriebenen Vorarbeit in aller Regel widerstandslos geschehen. Auch das Aufsitzen geschieht bei uns auf der Stallgasse, quasi neben den anderen Mitgliedern der Herde, was einen ungemein beruhigenden Effekt hat. Irgendwann sitzt der Reiter dann im Sattel, aber Achtung: dabei darf das Pferd nicht fest angebunden sein. Wenn etwas passiert, muss es ausweichen können und darf sich nicht im Anbindestrick „aufhängen“. Das gefürchtete Bocken passiert nur aus zwei Gründen: entweder hat das Pferd als „Beutetier“ Angst vor dem vermeintlichen Raubtier über ihm oder der Druck im Rücken ist ihm unangenehm. Dem muss – wenn’s passiert – auf den Grund gegangen werden. Weitere vertrauensbildenden Maßnahmen, indem man per Aufsitzhilfe oder einem Stuhl neben dem Pferd stehend diese Urangst des Fluchttieres langsam abbaut. Vor allem aber, indem die Passform des Sattels und der Sattelunterlage kritisch überprüft wird.

Parallel dazu wird longiert. Aber nie zu lange und nicht zu lang auf einer Hand. Inzwischen sind Tierärzte sehr kritisch, was das wochenlange Longieren angeht. Die Belastung im Fessel- und Hufgelenk ist doch wohl enorm. Beim Longieren achten wir darauf, dass die jungen Pferde am Anfang konsequent Schritt gehen und nicht gleich losstürmen. „Liebe zum Gehorsam“ nannte Reitmeister Egon von Neindorff das schon vor fünfzig Jahren. Jedenfalls hat dieser Erziehungsschritt eine enorme Wirkung auf die Gelassenheit der jungen Pferde. Schritt entspannt. Nach den erste Longierübungen gehört der nicht zu kurz verschnallte Dreieckszügel zum Equipment. Die Pferde sollen lernen, den Hals fallen zu lassen, sich zu dehnen. Ein zwanghaftes Stellen nach innen ist in dieser Phase unsinnig, denn es provoziert das Gegenteil. Wenn ein Pferd sich loslässt und zur Balance findet, wird es von ganz alleine die Innenstellung suchen.

Doch zurük zu den Aufsitzübungen: Es dauert in der Regel nicht lange, bis man das Gefühl hat, jetzt könnte man die Stallgasse herunterlaufen, wobei auch dabei nicht an den Trensenringen, sondern immer noch am Stall- oder Knotenhalfter geführt wird. Zur Erinnerung: das Pferdemaul ist heilig! An diesem Punkt können Pferde dann – wenn’s nötig ist – in fremden Beritt abgegeben werden. Dann sind sie hinreichend vorbereitet. Wir sind in der glücklichen Lage, mit eigenen Familienmitgliedern weitermachen zu können. Das erste Führen auf dem Hof und auf dem Reitplatz, das erste Longieren mit Reiter und schließlich das erste freie Reiten: immer gilt, das Pferd bestimmt das Tempo der Ausbildung. Ein zu schnelles Voranschreiten führt zu Rückschlägen und verlängert den Weg. Und es ist jammerschade, wenn viele professionelle Ausbilder des öfteren sagen müssen: „Oft sind die Dreijährigen, die wir bekommen, schon Korrekturpferde!“ Vielleicht wäre es sogar Aufgabe der Zuchtverbände, ihre Züchter für diese Grundlagenarbeit fit zu machen?